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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Von Möchtegern-Millionären und Tausend-Dollar-Pizzen
Zehntausend. Wer den Kurs der Krypto-Währung Bitcoin in den letzten Tagen verfolgte, dürfte sich verwundert die Augen gerieben haben, als dieser auf ein weiteres Rekordhoch von über 10.000 US-Dollar kletterte. Erst Anfang November hatte noch das Erreichen der 7.000er-Marke für Schlagzeilen gesorgt, zu der sich der Kurs im Laufe des Jahres von unter 1.000 Dollar vorgearbeitet hatte. Diese 1.000 wiederum waren zuvor nur Ende 2013 kurzzeitig und danach für über drei Jahre nicht mehr erreicht worden, wie unser Chart der Woche zeigt.

In den sozialen Medien liefert der neue Kursrekord Stoff für zahlreiche unterhaltsame Anekdoten. So wird von einem inzwischen volljährigen Sohn erzählt, der mit seinem Vater nicht mehr spreche, weil dieser ihm vor fünf Jahren den Kauf von Bitcoins für einige hundert Euro untersagt habe, die ihn heute zum Millionär machen würden. Andere blicken wehmütig auf eine „Tausend-Dollar-Pizza“ zurück, die sie 2013 mit einem zehntel Bitcoin bezahlt hatten. Derartigen Betrachtungen liegt natürlich die fragwürdige Annahme zugrunde, dass man seine Bitcoins über den jeweiligen Zeitraum auch bis heute gehalten hätte, anstatt sie für Waren oder Dienstleistungen auszugeben oder in eine „normale“ Währung zurückzutauschen.

 

 

Der oder die Urheber des Bitcoin, bekannt unter dem Pseudonym „Satoshi Nakamoto“, wollte(n) 2009 eine Währung schaffen, die unabhängig vom manchmal fragilen Vertrauen in Zentralbanken und Kreditinstitute und aus ihrer kryptografischen Geldschöpfung heraus inflationssicher sein sollte. In der Anfangszeit noch ein Liebhaberprojekt für Nerds, gewann die Krypto-Währung bald an Bekanntheit und wurde im Laufe der Zeit sogar von Händlern und Dienstleistern als Zahlungsmittel akzeptiert. Aber hat der Bitcoin wirklich das Potenzial, Euro, Dollar, Pfund, Franken, Yuan oder Yen aus den elektronischen Geldbörsen der Zukunft zu verdrängen?

In der klassischen volkswirtschaftlichen Betrachtung hat Geld drei Funktionen zu erfüllen: Als Verrechnungseinheit, als Wertaufbewahrungsmittel und als universell einsetzbares Tauschmittel für Transaktionen. Die Verrechnungsfunktion erfüllt der Bitcoin ohne Probleme – in seiner aktuellen Version lässt sich die Währung auf ein Hundertmillionstel stückeln, was beim aktuellen Kurs einem hundertstel US-Cent entspricht. Quasi jeder Preis eines Gutes lässt sich somit in Bitcoin ausdrücken. Bei der Wertaufbewahrung wird es schon kritisch: Denn auch schon vor der jüngsten Kursexplosion waren starke Wertschwankungen an der Tagesordnung, die selbst die wildesten Kursturbulenzen zwischen großen Währungen wie Euro, Pfund und US-Dollar als Sturm im Wasserglas erscheinen ließen. Tagesschwankungen im zweistelligen Prozentbereich sind beim Bitcoin keine Seltenheit.

Und mit der Wertentwicklung der jüngeren Vergangenheit hat der Bitcoin die Verwandlung vom Transaktions- zum Spekulationsinstrument quasi vollzogen. Ein wenig fühlt man sich an die erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte im Holland des 17. Jahrhunderts erinnert, als Tulpenzwiebeln zu astronomischen Preisen gehandelt wurden und niemand sie mehr einpflanzte – denn Bitcoin-Transaktionen zur Bezahlung realer Geschäfte finden fast nicht mehr statt. Kaum noch jemand würde heutzutage seine Pizza mit einem tausendstel Bitcoin bezahlen: Wer weiß schon, was dieser in einigen Jahren oder auch nur Wochen wert sein könnte? Tatsächlich zeigt sich hier in extrem zugespitzter Form, warum die Europäische Zentralbank und ihre Pendants rund um den Globus die Deflation fürchten wie der Teufel das Weihwasser: Wer auf sinkende Preise – also auf einen steigenden Wert des Geldes – spekuliert, der gibt sein Geld nicht aus, sondern hortet es nach Möglichkeit und kauft nur das Nötigste. Der nach der Finanzkrise ohnehin schon schwächelnden wirtschaftlichen Entwicklung hätte ein solches Verbraucherverhalten wohl den Todesstoß versetzt.

Auch wenn für die zugrundeliegende Blockchain-Technologie eine ganze Reihe von sinnvollen Anwendungsbereichen denkbar ist: Der Bitcoin in seiner jetzigen Ausgestaltung taugt sicher genauso wenig als Geldersatz wie Tulpenzwiebeln im 17. Jahrhundert.