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Blog Carsten Brzeski

Chart of the Week

Innovatives Deutschland?
In dieser Woche veröffentlichte das World Economic Forum seinen jährlichen Bericht zur globalen Wettbewerbsfähigkeit. Insgesamt 140 Länder wurden erstmals nach einem neuen System in 12 Kategorien bewertet. Hierzulande sorgte der Report zunächst einmal für den einen oder anderen ungläubigen Blick. Aber nicht das deutsche Gesamtergebnis von Platz 3 hinter den USA und Singapur war es, das verwunderte, sondern vielmehr der Spitzenplatz in der Kategorie „Innovationsfähigkeit“ – ist doch insbesondere die alternde Informations- und Kommunikationsinfrastruktur ein häufig vorgetragener Kritikpunkt, wenn es um die sich langsam bessernde Investitionszurückhaltung in Deutschland geht.

Unter anderem der schleppende Ausbau des Glasfaserkabelnetzes für Hochgeschwindigkeitsinternet wird in diesem Zusammenhang häufig genannt. Des Rätsels Lösung: Unter der Überschrift „Innovationsfähigkeit“ trugen die Statistiker des WEF Daten wie Patent- und Markenanmeldungen, Forschungsausgaben, wissenschaftliche Veröffentlichungen oder den Bildungsstand der Konsumenten zusammen. Unmittelbar technologische Gesichtspunkte wurden bei der Bewertung der Innovationsfähigkeit gar nicht mit einbezogen, sondern gingen in andere Kategorien ein.

Ergebnisse des WEF-Reports zur Wettbewerbsfähigkeit 2018 (Punkte von jeweils 100 maximal möglichen in jeder Kategorie)

Quelle: World Economic Forum

So kann es dann auch nicht verwundern, dass sich der größte Rückstand auf den Bestwert einer Kategorie tatsächlich unter der Überschrift „Durchdringung Informations- und Kommunikationstechnologie“ findet: Wie unser Chart der Woche zeigt, beträgt der deutsche Abstand zu Spitzenreiter Südkorea hier satte 22 von theoretisch möglichen 100 Punkten, wobei aber auch der Gesamtsieger USA in dieser Kategorie nur Platz 27 belegt. Wirklich blamabel sieht es für Deutschland aus, wenn man einen Blick auf die Unterkategorie der Glasfaseranschlüsse wirft: Hier reicht es für die größte Volkswirtschaft Europas gerade einmal zu Platz 66 – zwischen Serbien und Trinidad & Tobago.

In den übrigen Kategorien finden sich einige altbekannte Gewissheiten. Dass Deutschland hohe makroökonomische Stabilität und eine vergleichsweise gut ausgebildete Erwerbsbevölkerung vorweisen kann, wird niemanden überraschen – ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Marktgröße hierzulande eben nicht mit den USA oder dem Sieger dieser Kategorie China mithalten kann. Aber auch bei der Leistungsfähigkeit des Finanzsystems belegt Deutschland keinen Spitzenplatz mehr: Insbesondere amerikanische Banken haben sich nach der Finanzkrise deutlich schneller wieder erholt.

Doch Kapital ist beweglich – Finanzdienstleistungen für deutsche Unternehmen können notfalls auch ausländische Anbieter übernehmen. Damit aber Wissen und Ideen fließen können, ist eine leistungsfähige Informations- und Kommunikationsinfrastruktur vor Ort Voraussetzung – und die gibt es nun einmal nicht, ohne dass man Leitungen vergräbt. Von daher ist dieses Ergebnis sicher kein Ansporn, sich auf irgendwelchen Lorbeeren auszuruhen.