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Blog Carsten Brzeski

Der ganz normale Wahnsinn geht weiter

07.01.2016

Selbst ein eher blutleerer Aufschwung mit angezogener Handbremse hat dann schon etwas Positives; so lange es mal voran geht. Langeweile wird dabei allerdings eher nicht aufkommen. Die ersten Tage des neuen Jahres haben einen guten Vorgeschmack darauf gegeben, dass wohl auch 2016 wieder ein Jahr werden wird, in dem der ganz normale Wahnsinn regiert und wir uns auf rasante Achterbahnfahrten an den Märkten einstellen sollten.

Das große neue Thema ist die Divergenz der großen Notenbanken. Während die amerikanische Fed das Tempo für weitere Zinserhöhungen bestimmen muss, stehen die Zeichen in der Eurozone weiterhin auf Lockerung. Da es in den letzten dreißig Jahren jedoch gerade mal zwei kürzere Episoden gab, in denen die Geldpolitiken wirklich fundamental auseinanderdrifteten, stehen Spekulationen Tür und Tor offen. War die Fed zu schnell und muss sie eventuell im Laufe des Jahres den Zins wieder senken, war die EZB zu langsam und muss sie im Laufe des Jahres den Fuß vom geldpolitischen Gas nehmen oder heißt es 2016 für die Geldpolitik wirklich “dieses Mal ist alles anders“? Hinzu kommen die niedrigen Rohstoffpreise. Bisher ein Segen, vor allem für Europa. Was aber, wenn die niedrigen Energiepreise die amerikanische Frackingindustrie und damit die ganze Wirtschaft in die Knie zwingen? Dann fällt auch für Deutschland der letzte große boomende Exportmarkt weg. Denn auch China kämpft weiter gegen die harte Landung der Wirtschaft und die Schwellenländer werden wohl auch 2016 als Lokomotive der Weltwirtschaft ausfallen.

Außerdem werden alte, liebgewonnene Bekannte zurückkehren und das Jahr prägen: die Griechenland-Krise kommt spätestens dann zurück wenn die Eurozone sich nicht über die versprochene Schuldenerleichterung einigen kann oder spätestens wenn es im Laufe des Jahres keine Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs gibt. Die zweite Phase der Flüchtlingswelle – die effektive Integration in Gesellschaft und Wirtschaft – kann leicht die aktuellen nationalistischen politischen Tendenzen in der Eurozone, auch in Deutschland, weiter verstärken und zu Unruhen führen.

Der ganz normale Wahnsinn geht also auch 2016 weiter. Man ist gut beraten, nicht zu viel auf das Schulterzucken der Märkte zu geben. Hohe Volatilität ist vorprogrammiert. Oder sich einfach an das Motto halten, mit dem ich als bekennender Hertha-Fan beim Blick auf die Bundesligatabelle in die Winterpause gegangen bin: Gewöhnen kann man sich an alles. Man sollte es nur nicht tun.