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Blog Carsten Brzeski

Gefürchteter Populismus

Die Finanzmärkte interessieren sich schon immer für Politik. Erst recht, wenn es um populistische oder separatistische Bewegungen geht, die Märkte verunsichern und realwirtschaftliche Investitionen behindern. Denn fast nichts lieben Märkte und Investoren mehr als Sicherheit – oder wenigstens Planungssicherheit. Und während Geister wie Brexit und Grexit momentan wieder ihr Unwesen treiben, gibt es in den Augen der Märkte wenigstens einen Hort der Stabilität in Europa: Deutschland. Hier herrscht vermeintlich noch Immunität gegen Populismus. Ein Irrtum.

Natürlich gibt es mittlerweile auch in Deutschland populistische Stimmen. Die Frage ist aber, wie destabilisierend sie werden können. Etliche Studien belegen, dass es vor allem nach Finanzkrisen und bei anhaltender Wirtschaftsschwäche häufig politische Instabilität und einen Hang zu polarisierender und populistischer Politik gibt. So gesehen, kann es destabilisierenden Populismus doch nur in den europäischen Krisenländern und bei den doch leicht anders tickenden Briten geben. Oder etwa nicht?

Leider nein. Die Finanzmärkte und auch Deutschland sollten einen Blick auf die Niederlande werfen. Sie haben vorgemacht, dass es Populismus und radikalen politischen Umschwung auch in wirtschaftlich guten Zeiten geben kann. Die Parallelen zwischen den Niederlanden zum Ende der 90er-Jahre und dem heutigen Deutschland sind erstaunlich: starkes Wirtschaftswachstum, Haushaltsüberschüsse, niedrige Arbeitslosigkeit, ein brummender Immobilienmarkt und aktive Umverteilungspolitik. Doch das schützte nicht vor dem Aufstieg des Populisten Pim Fortuyns, einer Anti-Immigrationswelle und einer immer noch anhaltenden Erschütterung des politischen Systems. Sechs verschiedene Regierungskoalitionen innerhalb von zehn Jahren und Wirtschaftswachstum meistens unter dem europäischen Durchschnitt sprechen Bände.

Die Niederlande zeigen, dass Populismus und große politische Veränderungen auch in Zeiten des Wohlstands auftreten können! Nicht als Resultat, sondern letztlich als Ausgangspunkt wirtschaftlichen Abschwungs. In den Niederlanden versäumte das politische Establishment, sich mit Fortuyn inhaltlich auseinanderzusetzen. Ein deutlicher Hinweis für Deutschland. Ansonsten läuft man Gefahr, nach Linda de Mol, dem Lied der Schlümpfe oder der Radarfalle auch noch politische Erdrutsche zu importieren.