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Blog Carsten Brzeski

Geister im Novembernebel

Der November ist der Monat der Nebelschwaden. Sie haben häufig etwas Mystisches, etwas Gruseliges. Beim Anblick schemenhafter Formen kennt die Phantasie in dieser Zeit oft keine Grenzen. Da passt es, dass auch die Finanzmärkte nun wieder Gespenster zu sehen scheinen. Die aktuellen Geister in den Nebelschwaden der Finanzmärkte heißen „Zinswende". Die langfristigen Zinsen in Deutschland haben in den vergangenen vier Wochen einen Sprung gemacht. Die US Notenbank Fed, die vor einer Zinserhöhung im Dezember steht, eine steigende Inflationsrate in der Eurozone und eine Europäische Zentralbank, die scheinbar über ein Ende des Anleihekaufprogrammes philosophiert, haben die Phantasien der Märkte angeregt.

Bevor Marktteilnehmer sich allerdings auf die Suche nach Geisterbeschwörern machen, sollten sie den normalen Menschenverstand einschalten. Hinter dem Sprung steckt eine Entwicklung von minus 0,15 Prozent auf plus 0,15 Prozent. Also von extrem niedrig nach noch immer extrem niedrig. Hinzu kommt, dass eine nächste Zinserhöhung der Fed im Dezember nicht der Anfang einer ganzen Serie sein wird. Zu sehr schrecken der starke Dollar und das mögliche Ende des amerikanischen Konjunkturzyklus die Fed vor langen Alleingängen ab.

Jedes defizitfinanzierte Konjunkturprogramm des neuen Präsidenten (ob nun Clinton oder Trump) macht Zinserhöhungen auch nicht einfacher. Und auch in Europa gibt es wenige Gründe für eine Zinswende. Mit weiterhin hoher Arbeitslosigkeit, Druck auf die Löhne durch Globalisierung und schwachem Wachstum wird der Anstieg der Inflationsrate nicht weiter gehen als der Basiseffekt höherer Ölpreise. Die EZB wird sich daher hüten, den Markt mit einem abrupten Ende ihres Anleihekaufprogramms zu überraschen. Eine Verlängerung über März 2017 hinaus ist daher eigentlich alternativlos.

Das Schöne am November ist, dass häufig noch die Sonne im Laufe des Tages stark genug ist, um den Nebel zu durchbrechen. Mythen und Grusel verschwinden dann erst einmal wieder. Die Finanzmärkte müssen wahrscheinlich noch etwas länger warten, bis sich die Nebelschwaden verzogen haben. Aber spätestens im Dezember, wenn die EZB ihr Anleihekaufprogramm verlängert und die Fed einen sehr vorsichtigen Ton nach der Zinserhöhung anschlägt, sollten die Geister der Zinswende fürs Erste verschwunden sein.

Dieser Beitrag ist am 03.11.2016 in der Frankfurter Rundschau erschienen.