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Blog Carsten Brzeski

Neue Euro-Panik?

Eine neue Angstwelle macht sich an den Finanzmärkten und in den Wirtschaftsseiten der Zeitungen breit: die Angst vor einem starken Euro. Wie mit den meisten Ängsten oder Wahnvorstellungen gibt es auch in der Angst vor dem starken Euro eine kleine Spur von Wahrheit. Grund zur Panik gibt es allerdings nicht.

Es gehört mittlerweile wohl zum Schicksal des Euros, dass er es eigentlich niemandem jemals recht machen kann. Sinkt der Wechselkurs des Euros, ist es ein Zeichen des miserablen Zustands der Währungsunion und man muss das sofortige Auseinanderbrechen fürchten. Steigt der Wechselkurs, sind die mahnenden Stimmen vor einem baldigen Einbruch der Exporte und damit einem katastrophalen Ende eines jeden Aufschwungs nie fern. So nun auch wieder in den letzten Wochen.

Beflügelt durch gute Konjunkturdaten und Spekulationen über das bevorstehende Zurückfahren der lockeren Geldpolitik seitens der EZB auf der einen Seite sowie eine abwartende US-Zentralbank, schwächere US-Konjunkturdaten, das Schwinden der Hoffnung auf ein „großartiges“ Investitionsprogramm kombiniert mit einem allgemeinen Vertrauensverlust der Trump-Regierung auf der anderen Seite, hat der Euro Aufwind bekommen.

Grund zur Panik gibt es nicht
Der erstarkte Euro unterstreicht, dass momentan das größte Konjunkturrisiko für Deutschland und die gesamte Eurozone aus dem Ausland kommt. Während die Inlandsnachfrage das Wachstum trägt, sind geopolitische Unsicherheit, eine Abkühlung der amerikanischen Konjunktur (mit oder ohne Trump) sowie die Nebenwirkungen der Brexit-Verhandlungen potentielle Wachstumsbremsen. Aus Deutschland gehen gut 15% aller Exporte in die USA und nach Großbritannien. Das ist nicht wenig, aber auch nicht genug, um nun vor Angst Schweißperlen auf der Stirn zu haben. Die Bedeutung der USA und Großbritannien wird auch deutlich, wenn man sich den sogenannten handelsgewichteten Wechselkurs anschaut. Dieser Maßstab gibt ein viel besseres Bild der neuen Euro-Stärke. Während der Euro in den letzten Wochen mehr als 10% gegenüber dem Dollar zugelegt hat, so ist er gegenüber allen Handelspartnern nur um 5% gestiegen.

Hinzu kommt, dass es noch eine Reihe weiterer fundamentaler Argumente gibt, warum europäische Exporteure momentan noch wirklich keine Schwindelangst bekommen sollten. Erstens ist der Euro bei einem Niveau von 1,17 EUR/USD immer noch zu billig; ob nun im historischen Vergleich oder bei der Betrachtung von Kaufkraftparitäten. Vor etlichen Jahren haben deutsche Wissenschaftler berechnet, dass für deutsche Exporteure die Schmerzensgrenze selbst bei 1,55 EUR/USD liegen könnte. Zweitens haben vor allem deutsche Exporte in den letzten Jahren eine interessante asymmetrische Reaktion auf Wechselkursschwankungen gezeigt.

Während die Exporte von einem schwächeren Euro profitieren, lässt ein stärkerer Euro sie relativ unberührt. Diese asymmetrische Reaktion hat damit zu tun, dass deutsche Unternehmen sich immer mehr gegen Wechselkursrisiken eingedeckt haben (hedging), aufgrund ihrer starken Marktposition Wechselkursschwankungen über Gewinnmargen auffangen und die Nachfrage nach deutschen Produkten relativ wenig auf Preisschwankungen reagiert.

Risiken für die deutsche und europäische Konjunktur kommen momentan aus dem Ausland
Die Diskussion über die vermeintliche Euro-Stärke ist eine gute Erinnerung, dass die größten Risiken für die deutsche und europäische Konjunktur momentan aus dem Ausland kommen. Grund zur Panik gibt es aber nicht. Bei einem Eurokurs von 1,17 Euro zum Dollar werden die deutschen und europäischen Exporte jetzt nicht in ein tiefes Loch fallen. Im schlimmsten Falle verliert ein konjunktureller Rückenwind an Geschwindigkeit. Zum Gegenwind wird er aber nicht so schnell. Daher ist die aktuelle Euro-Stärke ein Zeichen zunehmender Attraktivität der Eurozone. Ein Zeichen von Stärke. Nach Jahren der Krise keine so schlechte Veränderung.