Publikationen

Blog Carsten Brzeski

Sokrates und die Briten

Seit dem historischen Votum des britischen Volks zum Brexit ist ganz Europa in Aufruhr. Das Referendum schlägt hohe Wellen: die britische Politik scheint zu implodieren; die beiden großen Parteien wurden in Führungskrisen gestürzt und selbst grundlegende Veränderungen der Struktur Großbritanniens durch eine mögliche Abtrennung Schottlands sind nicht mehr auszuschließen. Aber auch Europa ist in Bewegung. Populistische Parteien in vielen Ländern sehen sich in ihrem Kurs bestätigt und werden anti-europäische Ideen noch mehr umarmen. Etablierte Parteien und Politiker streiten um den richtigen Weg für Europa. In diesem Dickicht von Ungewissheit, Eventualitäten und möglichen Szenarien können professionelle Glaskugelleser ihr Heil eigentlich nur in der Antike und bei Sokrates suchen: Wir wissen, dass wir nichts wissen.

Szenarien für die kommenden Monate und Jahre gibt es momentan wie Sand am Meer. Es gibt wirtschaftlich vernünftige Szenarien, wie z.B. ein relativ geräuschloser Austritt, bei dem Großbritannien Zugang zum europäischen Binnenmarkt behält, leichte Zugeständnisse auf dem Gebiet des Migrationstourismus bekommt und dafür weiterhin finanzielle Abgaben an die EU entrichtet. Es gibt aber auch politisch erklärbare Szenarien, in denen es einen großen Scheidungskrieg gibt. Einen Rosenkrieg, an dessen Ende ein großer wirtschaftlicher Scherbenhaufen steht. Und über all diesen Szenarien schwebt noch eine andere Dimension; die europäische. Schon jetzt tobt die Diskussion. Mehr oder weniger Europa? Ein Europa des Zentrums oder ein Europa der Staaten? Werden im Zuge dieser Diskussionen andere Länder auch über die EU-Mitgliedschaft abstimmen? Die Wahrscheinlichkeit einer schleichenden Desintegration der EU und auch der Eurozone nimmt zu. Die Gefahr, dass die nächste Generation einen sehr großen Scherbenhaufen aufräumen muss, auch.

Für die Märkte und die gesamte Wirtschaft ist diese Unsicherheit, dieses Meer an möglichen Szenarien, Gift. Die Märkte werden mit Volatilität reagieren, die Wirtschaft mit einer Schwächung. Denn dem Aufschwung in der Eurozone wird damit wieder einmal der Boden unter den Füssen weggezogen, durch die Unsicherheit werden Investitionen noch weiter verzögert. Und es sind doch gerade die Investitionen, die der Eurozone fehlen. Kurzfristig lässt sich an diesen Trends wohl herzlich wenig verändern.

Mittelfristig kann das britische Referendum aber auch eine Chance sein für Europa. Aber nur, wenn Europa die Kritik und Skepsis in Teilen der Bevölkerung ernst nimmt. Europa braucht eine neue differenzierte Diskussion über die Zukunft Europas. Eine Diskussion, in der positive Alternativen aufgezeigt und die Ängste ernst genommen werden. Eine Diskussion, die sich nicht mehr um ‘mehr oder weniger’ drehen sollte, sondern um ‘mehr und weniger’. Sokrates kann dabei helfen. Seine Lösung für Zweifel am eigenen Wissen war der Dialog. Durch Fragen – und nicht durch Belehren des Gesprächspartners – sollte die eigene Einsichtsfähigkeit das Gute hervorbringen. Europa kann doch noch etwas von den Griechen lernen.