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Blog Carsten Brzeski

Verrückte Welt

Wir leben in einer verrückten Welt. Es ist eine Welt, in der Eltern ihren Kindern hinterherrufen „Pass auf die bösen Clowns auf, wenn du draußen Pokémons jagst“. Es ist aber auch eine Welt, in der Donald Trump die US-Wahl gewinnt und die Märkte danach jubeln. Das von den meisten Analysten vorhergesagte Chaos an den Finanzmärkten nach dem Sieg von Donald Trump dauerte nur wenige Stunden. Seitdem steigen Kapitalmarktzinsen, wird der Dollar stärker und erreichen US-Aktienmärkte neue Allzeithochs. Wie verrückt ist diese Welt? Ein paar Gedanken zu Trump, den Märkten und der Zukunft zum Ende einer historischen Woche.

Die Wahrheit ist, dass auch am dritten Tag nach der US-Wahl eigentlich niemand weiß, wofür Donald Trump wirklich steht. Sein Wahlprogramm ist jetzt offizielles Regierungsprogramm geworden und für Interessierte auf der Internetseite www.greatagain.gov nachzulesen. Die Inhalte bleiben dünn und folgen dem Muster anderer populistischer Parteien. Probleme werden nachdrücklich angesprochen, existierende Politik soll gestoppt werden, aber Lösungen bleiben schwammig.

In Kombination mit Aussagen während des Wahlkampfes bleibt eine lange Liste von möglichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die unter Präsident Trump durchgeführt werden könnten. Die Liste reicht von Steuersenkungen für Haushalte und Unternehmen über Infrastrukturinvestitionen und Deregulierung (nicht nur in der Finanzindustrie) bis hin zu Strafzöllen und Schuldenabbau. Eine Liste, die in ihrer Gesamtheit nicht funktionieren kann. Einige ausgewählte Elemente allerdings schon.

Der Markt scheint sich im Augenblick einzureden, dass ein Präsident Trump ein anderer Mensch ist als der Kandidat Trump. Ausgleichender, behutsamer und pragmatischer. In den Tagen nach der Wahl erschienen in den amerikanischen Finanzmedien viele Trump-Freunde und Berater, die dieses Bild überzeugend vermitteln konnten. Daher sucht sich der Markt momentan die Punkte heraus, die in der Tat positiv für die amerikanische Konjunktur sein würden: Steuererleichterungen und ein großes Investitionsprogramm. Dass so ein Programm zu explodierenden Staatsschulden und amerikanischer Protektionismus zu Gegenreaktionen und damit weniger Welthandel führen könnte, wird erst einmal ausgeblendet. Man nennt das selektive Wahrnehmung.

Der Ehrlichkeit halber muss gesagt werden, dass solch ein selektives Wirtschaftsprogramm sinnvoll sein könnte. Jedenfalls für die amerikanische Wirtschaft. Es wäre ein erster Versuch, um steigende soziale Ungleichheiten, stagnierendes Wachstum und die Nachteile der Globalisierung anzupacken. Es ist im Grunde genommen das gleiche Rezept, das berühmte amerikanische Ökonomen wie Paul Krugman oder Larry Summers (denen Nähe zu Trump nun wirklich nicht nachgesagt werden kann) Europa und Deutschland schon lange anraten. Es ist das traditionelle Rezept von schuldenfinanzierten Ausgaben. Kurzfristig würde die amerikanische Wirtschaft hiervon profitieren. Den langfristigen Schaden in Form von einem steigenden Schuldenberg, internationalem Protektionismus und vor allem höherer geopolitischer Unsicherheit müssten dann andere nach Trump reparieren.

Trotz allem sollte man bei der Betrachtung der aktuellen Marktentwicklung vorsichtig sein. Die positive Stimmung kann sich ganz leicht verändern. Niemand weiß, ob Trump wirklich permanent weichgespült ist oder nur kurzfristig Kreide gefressen hat. Das gilt noch stärker für die politischen als für die wirtschaftlichen Folgen seiner Präsidentschaft. Im Augenblick geht der Markt davon aus, dass sich die Republikaner mit ihrem ungeliebten Kandidaten Trump versöhnen werden. Ob Trump sich allerdings auch mit seiner Partei versöhnen will, ist mehr als unsicher. Immerhin wurde er gewählt, um im politischen Establishment aufzuräumen. Die Folgen davon sind unüberschaubar. Auch wenn uns die Märkte im Augenblick etwas anderes weismachen wollen: die Welt wird noch eine Weile lang verrückt bleiben.