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Blog Carsten Brzeski

Vom schwarzen Gold zum schwarzen Bremsstoff

04.02.2016 | Seit der Öl-Krise der siebziger Jahre, rasend schnell steigenden Preisen und autofreien Sonntagen wissen wir eigentlich, dass hohe Ölpreise schlecht sind. Der Umkehrschluss hat daher schon immer gelautet: sinkende Ölpreise sind gut. Die Nachwehen der vielfachen Krisen der letzten Jahre scheinen jetzt jedoch auch diese ökonomische Faustregel in Rauch aufgehen zu lassen.

Normalerweise gehen Volkswirte davon aus, dass fallende Ölpreise gut für die Konjunktur sind. Modellberechnungen ergeben, dass ein Fall der Ölpreise um 10% in den meisten Ländern der westlichen Welt das Wirtschaftswachstum um 0,1 bis 0,5 Prozentpunkte erhöht. Die letzten Monate zeigen wieder einmal den großen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Denn während die Ölpreise um gut 75% gefallen sind, ist eine Beschleunigung der Konjunktur in den USA und Europa weit und breit nicht zu sehen. Ganz im Gegenteil, die niedrigen Ölpreise haben zusammen mit der Unsicherheit über die chinesische Wirtschaft das Risiko auf eine Abkühlung der Weltwirtschaft in den letzten Wochen erhöht.

Es gibt zwei Gründe für diese neue Ölwelt, die hoffentlich bald auch Einzug in volkswirtschaftliche Lehrbücher halten sollte: eine höhere Sparneigung bei vor allem amerikanischen Konsumenten und der Nachfrageeinbruch aus ölexportierenden Ländern nach Industriegütern. Der letzte Punkt ist häufig unterbeleuchtet. Aber in der Vergangenheit war ein hoher Ölpreis vor allem für Länder wie Deutschland und China eher Segen als Fluch. Beide Länder profitierten von höheren Ölpreisen. Nicht nur direkt wegen der Nachfrage nach Industrie- und Konsumgütern, sondern auch indirekt durch Investitionen in neue Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur und der Gewinnung neuer (alternativer) Energieformen. Diese Vorteile machten höhere Kosten durch gestiegene Ölpreise mehr als wett. Jetzt dreht sich alles um. So bizarr es auch klingt, wenn jetzt auch noch die amerikanische Wirtschaft, deren Aufschwung der letzten Jahre zu einem großen Teil der Energieindustrie und dem Fracking zu verdanken war, abkühlt, werden die niedrigen Ölpreise zum Schreckgespenst für die Weltkonjunktur.

Es ist schwer zu sehen, dass die Ölpreise in den kommenden Monaten schnell wieder steigen. Anders als von vielen Experten vorhergesehen, kann es sogar sein, dass das Zeitalter der fossilen Brennstoffe nicht mit hohen, sondern mit niedrigen Ölpreisen beendet wird. Hohe Energieeffizienz, niedriger Verbrauch, alternative und erneuerbare Energien und abkühlende Schwellenländer sind schlagkräftige Argumente gegen schnell und stark steigende Ölpreise. Und so nimmt die Gefahr zu, dass die Weltwirtschaft dieses Jahr nicht vom schwarzen Gold genießen kann, sondern eher auf einer schwarzen Bremsspur ins Wanken geraten könnte.