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The View – ING Kundenmagazin

The View

Blick auf die Gesellschaft

Bildung überdenken

Innovative Technologien und sich verändernde demografische Verhältnisse haben zur Folge, dass sich das Was, Wo, Wie und Wann unseres Lernens weiterentwickeln muss.

Die unverblümte Wahrheit ist, dass die Kompetenzen, die Arbeiter vorhergehender Generationen ihren Unterhalt sicherten, in der Zukunft möglicherweise nicht mehr hilfreich sein werden. Genauso wie es heutzutage nur einen geringen Bedarf an Schmieden oder Telefonisten gibt, könnten viele der heutigen Arbeitsplätze wegfallen oder sich bis zur Unkenntlichkeit verändern.

Man geht davon aus, dass künstliche Intelligenz (KI) und Automatisierung viele Arbeitsvorgänge abschaffen werden, während neu geschaffene Arbeitsplätze auf völlig neue Kompetenzen zurückgreifen könnten. Währenddessen ändern sich die Arten, wie wir lernen, durch die Einführung neuer Technologien und Techniken auf der ganzen Welt ebenfalls. Zudem wird wahrscheinlich das lebenslange Lernen zunehmen, anstatt nur auf den Beginn unseres Lebens konzentriert zu sein, denn langes Leben hat ein längeres Berufsleben zur Folge, und der schnelle Rhythmus der Innovation erfordert, dass sich Arbeitskräfte regelmäßig auf dem Laufenden halten müssen.

Neue Fähigkeiten

Schülern von heute werden oftmals Fähigkeiten von gestern beigebracht – und das Problem nimmt immer weiter zu. „Arbeitgeber kämpfen darum, frische Absolventen zu finden, die mit den richtigen Kompetenzen für den Erfolg ausgestattet sind“, erklärt Tacy Trowbridge, Leiterin von Adobe‘s Global Education Programmes. „Bei einer Umfrage, in der die Frage gestellt wurde: ‚Sind Schüler für den dynamischen Arbeitsplatz von heute gerüstet?’ ergab sich, dass sieben von zehn Arbeitgebern mit ‚nein‘ antworteten.” Sie fügt hinzu, dass Arbeitgeber Mitarbeiter mit der Fähigkeit zur Kommunikation über digitale und visuelle Medien, mit technischer Kompetenz und größerer Kreativität benötigen.

Den Umfragen zufolge sind Schüler begierig darauf, diese Fähigkeiten zu erlernen, in den meisten Schulen stehen sie jedoch nicht auf dem Lehrplan. In der Tat haben sich die meisten Schullehrpläne mit einigen wenigen Ausnahmen wie dem IT-Unterricht seit Jahrzehnten nicht mehr verändert.

Es herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Kreativität und damit verbundene Eigenschaften wie Neugier, Experimentierfreude und Problemfindung und -lösung in einer Welt, in der KI in der Lage ist, viele der gegenwärtig von Menschen erfüllten Aufgaben auszuführen, entscheidend geworden sind. Darüber hinaus werden solche Fähigkeiten von Unternehmen als geschäftliches Unterscheidungsmerkmal gesehen. „Neugier heizt die Unternehmensentwicklung an und versetzt Unternehmen wie unseres in die Lage, unseren Wettbewerbsvorteil aufrechtzuerhalten”, erklärt Stefan Oschmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung und CEO des Pharmazieunternehmens Merck.

Trowbridge erklärt, dass das Hinzukommen neuer technischer oder kommunikativer Fertigkeiten nicht von den Kernthemen ablenkt, sondern diese fördert. „Schulabgänger mit digitalen Kompetenzen besitzen im Vergleich zu ihren Peers große Vorteile. Stellen Sie sich Absolventen von Wirtschaftsschulen vor, die tatsächliche Geschichten in kurzen Videos erzählen. Stellen Sie sich Biologieabsolventen vor, die Zeichentrick anwenden, um komplexe Forschung zu erläutern. Stellen Sie sich Schüler vor, die Apps erfinden, um Probleme der wirklichen Welt zu lösen“, merkt sie an.

Unterschiedliche Arten des Lernens

Viele Beobachter sind der Auffassung, dass ebenso wie die in den Schulen vermittelten Fertigkeiten auch die Lehrmethoden aktualisiert werden müssen. Es besteht allerdings nur wenig Konsens darüber, auf welche Weise sie sich weiterentwickeln sollten.

Einige Politiker in Europa und den USA sind der Meinung, dass der in Asien oftmals verbreitete Routinelernstil zu besseren Ergebnissen führt, und empfehlen deshalb eine Rückkehr zu traditionellen Methoden. Sie führen als Beweis dafür, dass solch ein Ansatz funktioniert, die Dominanz Singapurs, Taiwans und Chinas auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, des Lesens und der Mathematik in der weltweiten Studie der OECD zum Bildungsranking, dem Programme for International Student Assessment (PISA), an.

In China jedoch setzt sich, obgleich das Lernen weiterhin äußerst stark von westlichen Standards geprägt ist, mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass ein lockererer, mehr an Kreativität ausgerichteter Bildungsstil notwendig sein könnte, wenn das Land weiterhin wachsen und seine Wirtschaft ausbauen soll.

Mittlerweile denken andere, dass bei den Lehrmethoden ein grundlegendes Umdenken notwendig ist, um sie an die neuen Herausforderungen, mit denen Schüler konfrontiert werden, und die größeren Veränderungen in ihren Leben anzupassen. „Die Art und Weise, in der wir heute lernen, ist einfach falsch“, sagt Peter Diamandis, Gründer von 17 Unternehmen und Mitbegründer der Singularity University, die Bildungsprogramme anbietet. „Lernen muss weniger Auswendiglernen, sondern eher wie Angry Birds sein“. Diamandis erklärt, dass das gegenwärtige Bildungsmodell unter Einsatz solcher Techniken wie KI und virtueller Realität umgestaltet werden muss.

Diamandis empfiehlt eine ‚Gamification‘ des Lernens. „Im traditionellen Bildungssystem beginnt man mit einem ‚A’ ”, sagt er. „Immer, wenn man etwas falsch macht, werden einem Punkte abgezogen. In der Spielewelt ist es genau das Gegenteil. Du fängst bei null an und immer, wenn du etwas richtig machst, erhöht sich dein Punktestand. Das stellt die gegenwärtige Art unseres Lernens auf den Kopf, und macht Spaß”. Diamandis erklärt, dass man beim Spielen eines Videospiels ein Problem beobachtet, eine Hypothese aufstellt, sie überprüft und dann aus dem Feedback lernt, so dass man es noch einmal versuchen kann. Mit dem Einsatz einer ähnlichen „wissenschaftlichen Methode” in der Bildung werden „Kinder genauso süchtig nach Lernen wie nach Spielen“, lautet seine Meinung.

Effektiver Einsatz von Technik

Viele Schulen bringen nun extensiv iPads oder Laptops im Klassenraum zum Einsatz. Bei der im Jahr 2016 von Deloitte durchgeführten Umfrage über digitale Bildung wurde festgestellt, dass drei Viertel der Lehrer davon ausgehen, dass Schulbücher innerhalb eines Jahrzehnts verschwinden werden. Aber obgleich einige von ihnen einen größeren Einsatz von Technik beim Lehren befürworten, sind die Vorteile gegenwärtig noch unklar. Eine Beurteilung der digitalen Kompetenzen durch PISA kommt zu dem Schluss, dass „Länder, die in großem Umfang in Informations- und Kommunikationstechnik für Bildungszwecke investiert haben, keine bemerkenswerte Verbesserung ihrer Leistungen bei den PISA-Ergebnissen in Lesen, Mathematik oder Naturwissenschaften festgestellt haben". Die OECD ist jedoch der Auffassung, dass der richtige Einsatz von Technik Wunder vollbringen würde.

„Schulsysteme müssen effektivere Wege finden, Technik in das Lehren und Lernen zu integrieren, um Pädagogen Lernumgebungen zu bieten, die die Pädagogik des 21. Jahrhunderts unterstützen, und Kindern die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts zu vermitteln, die sie benötigen, um erfolgreich zu sein”, erklärt Andreas Schleicher, Leiter der OECD-Bildungsabteilung. „Technik ist der einzige Weg, um den Zugang zum Wissen entscheidend zu erweitern. Um die Versprechen zu halten, die die Technik bietet, müssen die Länder effektiver investieren und dafür sorgen, dass Lehrer an der Spitze der Gestaltung und Umsetzung dieser Veränderung stehen”.

Eine mögliche Lösung besteht darin, KI dafür zu nutzen, das Lehren auf die individuellen Bedürfnisse zuzuschneiden. AltSchool, eine private Bildungsgruppe, die zum Teil durch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg unterstützt wird, betreibt sechs Schulen in den USA, die sogenanntes adaptives Lernen anwenden. Jedes Kind arbeitet auf seinem Tablet eine auf es persönlich zugeschnittene Liste an Tätigkeiten ab. Seine Antworten werden automatisch hochgeladen, damit der Lehrer sie überprüfen kann. Die Leistung wird ständig überwacht, so dass Unterrichtseinheiten angepasst werden können, und es besteht eine sofortige Kommunikation zwischen Zuhause und der Schule. Die Gates Foundation und viele andere Organisationen finanzieren ähnliche adaptive Lerninitiativen. KI besitzt auch andere potenzielle Einsatzmöglichkeiten im Bildungsbereich: einige Apps wie Duolingo ermöglichen es Sprachenlernenden, ganz natürlich mit einem Chatbot zu sprechen, um ihre Fähigkeiten in einer realistischen Umgebung praktisch anzuwenden.

Marieke Blom, leitende Betriebswirtin bei ING erklärt, dass wir die Notwendigkeit einer Vielzahl von Ansätzen akzeptieren sollten, anstatt uns auf die Details, wie sich das Lernen verändern sollte, zu fixieren. „Wir wissen, dass jeder anders lernt – durch Tun, durch Lesen, durch Spielen oder durch Erörtern“, merkt sie an. „Was wir brauchen, ist es, sicherzustellen, dass für jede einzelne Person der effektivste Weg genutzt wird. Ebenso wichtig ist es, dass der Schwerpunkt nicht beim Wissen liegen muss, denn das ist online leicht verfügbar oder wird durch KI erweitert, sondern bei der Entwicklung von Fähigkeiten, die Menschen in die Lage versetzen, ein angenehmes und produktives Leben zu führen. Dazu könnten der Umgang mit Stress oder Terminen, die Zusammenarbeit mit anderen, Kommunikation, kreative Fertigkeiten wie Finden von Problemlösungen oder die Vorstellung einer tollen Idee oder technische Fertigkeiten wie das Arbeiten mit neuer Software oder neuen Anlagen gehören”.

Neue Zentren des Lernens

Obgleich Schulen und Universitäten in der Zukunft für das Lernen entscheidend bleiben werden, vervielfältigen sich die Zugangswege zum Wissen.

Das Aufkommen des Internets hat die Entstehung von offenen Massen-Online-Kursen (MOOC) gefördert, in deren Rahmen Onlinevorlesungen, automatische Vertriebsmechanismen und Message-Board-Seminare und Diskussionen angeboten werden.

Angesehene Universitäten wie Harvard und das Massachusetts Institute of Technology arbeiteten gemeinsam an der Schaffung eines MOOC mit der Bezeichnung edX, während sich bei Plattformen wie Coursera und Udacity viele der weltweit führenden Universitäten angemeldet haben: die Zeitung Financial Times betreibt einen Online-MOOC-Tracker, bei dem gegenwärtig 417 einzelne Kurse geführt werden. MOOC ähneln auf Grund ihrer festgesetzten Start- und Enddaten meistens Kursen im traditionellen Universitätsstil (außer dass sie vollständig online stattfinden). Sie bieten auch anerkannte Zeugnisse, wobei einige Kurse am Ende als ebensolche Qualifikationen wie ein MBA zählen.

MOOC funktionieren jedoch nicht bei jedem Lernenden, und eine Reihe an anderen Lernmodellen sind in den letzten Jahren ebenfalls entstanden. Zum Beispiel ist die Khan Academy ein selbstbestimmtes Lernmittel, das Tausende von kostenlosen Übungen und Lernvideos mit einer breiten Palette von Themen sowie ein personalisiertes Lern-Dashboard anbietet. Das seit Langem etablierte Online-Bildungsunternehmen Lynda.com, das von dem Geschäftskontakte-Netzwerk LinkedIn erworben wurde, bietet ein Abo-Modell mit Kursen, die in erster Linie dazu bestimmt sind, Menschen bei der Verbesserung ihrer beruflichen Kompetenzen zu unterstützen.

Lebenslanges Lernen

Traditionell haben viele Menschen in entwickelten Ländern ungefähr die ersten 20 oder 25 Jahre ihres Lebens mit Lernen verbracht, wonach 40 Jahre Arbeit und 15 Jahre Ruhestand folgen. Die Einführung von Technologien wie KI, eine längere Lebenszeit, Arbeitskräftemangel in einigen Industriebereichen und die potenziellen Herausforderungen, mit denen sowohl Regierungen als auch Einzelpersonen bei der Finanzierung des Ruhestands konfrontiert sind, könnten dieses Muster beträchtlich verändern.

„Die Vorstellung, am Beginn unseres Lebens viele Jahre hintereinander zu lernen, muss sich ändern”, erklärt Blom von ING. „Sie entspricht weder der neuen Realität, wie Menschen lernen, noch den Fähigkeiten, die sie benötigen, oder der Art, wie sie arbeiten werden. Bildung muss in kürzeren Zeitabschnitten erfolgen und so gestaltet sein, dass sie auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmt ist”. Mehrere Berufe im Lauf eines Lebens werden normal werden, und Arbeitskräfte müssen regelmäßig ihre Fertigkeiten auf den aktuellen Stand bringen, wenn sie in einem Beruf bleiben.

„KI wird uns alle beeinflussen und sich fortsetzen”, erklärt Vishal Sikka, Chief Executive des Technologie-Service-Unternehmens Infosys. „Sie befindet sich noch in den Kinderschuhen, weshalb eine riesige Chance besteht über einer Zerrüttung des Marktes zu stehen; wenn sich KI weiterentwickelt, entsteht diese Marktzerrüttung auch immer wieder. Die einzig gewisse Strategie in unserer Welt ist, dass wir alle lebenslange Lernende werden”. Er fügt hinzu: „Unternehmen müssen allen Arbeitnehmern Ressourcen für lebenslanges Lernen zur Verfügung stellen, um die Entwicklung der Kompetenzen zu erweitern. In der Tat sollten sie verpflichtet werden, einen bestimmten Prozentsatz ihrer jährlichen Einnahmen für die Weiterbildung der Belegschaft zu verwenden.

Kreativität auftanken

Einige Menschen verfolgen bei der Bewältigung eines längeren Arbeitslebens einen radikaleren Ansatz und konzentrieren sich dabei auf die dritte Lebensphase, den Ruhestand, genauso wie auf die erste.

Stefan Sagmeister, ein renommierter Grafikdesigner, der Verpackungen für führende Marken und Künstler wie die Rolling Stones entworfen hat, beschloss, die üblicherweise dem Ruhestand zuzurechnenden 15 Jahre um fünf zu verkürzen und diese zwischen die 40 Arbeitsjahre einzuschieben. Alle sieben Jahre schließt er sein Studio in New York für ein ganzes Jahr, damit er und seine Mitarbeiter Kreativität auftanken können. „Die Arbeit, die aus diesen (Auszeit-)Jahren entsteht, fließt in das Unternehmen zurück. Alles, was wir in den sieben Jahren nach dem ersten Sabbatjahr entworfen haben, hat seinen Ursprung in jenem Jahr”.

Wenngleich die Initiative von Sagmeister möglicherweise auch extrem ist – denn nur wenige Unternehmen können es sich leisten, ihre Türen einfach für ein Jahr zu schließen – so haben doch viele Technologieunternehmen erkannt, wie wichtig es ist, Arbeitnehmern Freiräume zum Experimentieren zu schaffen. Das Werkstoff- und Technologieunternehmen 3M hat Ingenieuren seit den dreißiger Jahren gestattet, 15 % ihrer Arbeitszeit zur Verfolgung ihrer eigenen Ideen zu verwenden: post-it-Haftnotizen und Scotch-Klebeband wurden beide in der Freizeit entwickelt, und Google gestattet Software-Ingenieuren, 20 % ihrer Zeit für persönliche Projekte zu verwenden. Kreativität und Erfindergeist gewinnen zukünftig in zunehmendem Maße an Bedeutung, sowohl für Arbeitnehmer als auch für Unternehmen (siehe Artikel über das Überleben des Klügsten).

Natürlich kann es sein, dass die Mehrheit der Arbeitskräfte nicht die Fertigkeiten, Mittel oder die Entschlusskraft besitzt, um die Arbeit für ein Jahr zu unterbrechen oder Zeit experimentellen Projekten zu widmen. In Bereichen, die mit einem massiven Personalabbau konfrontiert werden, wie beispielsweise der Güterkraftverkehr, der durch selbstfahrende Fahrzeuge Wandlungen unterliegen könnte, wird ein einfacherer Weg zur Umschulung erforderlich sein, nicht zuletzt, um eine zunehmende Ungleichheit zu vermeiden. In den meisten Ländern werden sich die Regierungen beteiligen müssen, um einen fairen Zugang zu Bildungsmöglichkeiten sicherzustellen. Singapur, das "individuelle Lernkonten" eingeführt hat, mit denen Bürgern über 25 ein Kredit in Höhe von 500 $ (336 €) für Kurse von 500 zugelassenen Anbietern, einschließlich MOOC und Universitäten (sowie großzügige Subventionen für Gebühren für längere Kurse) gewährt wird, könnte ein Modell für den Rest der Welt sein, das in den kommenden Jahren Nachahmer finden sollte.


Quellenangaben:
https://view.ingwb.com/rethinking-education
www.raconteur.net/technology/learning-new-skills-to-spark-creativity
curiosity.merckgroup.com/docs/Curiosity_Full-Report_English.pdf
www.21stcentech.com/learn-today-wrong-peter-diamandis/
www.oecd.org/education/new-approach-needed-to-deliver-on-technologys-potential-in-schools.htm
www.ft.com/content/5bf845fe-b7c2-11e6-961e-a1acd97f622d
www.ted.com/talks/stefan_sagmeister_the_power_of_time_off