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The View – ING Kundenmagazin

Nachhaltigkeit: Der richtige Zeitpunkt ist jetzt

Unternehmen weltweit machen große Fortschritte in puncto Nachhaltigkeit, denn sie haben erkannt, dass Erfolg weit mehr bedeutet, als nur Profite einzufahren.

Als der Nobelpreisträger Milton Friedmann in den 1970er-Jahren schrieb: „Unternehmen haben nur eine einzige soziale Verantwortung und diese liegt darin, ihre Ressourcen zur Profitsteigerung zu nutzen“, so spiegelte dies damals nicht nur die Meinung der meisten Unternehmen, sondern auch die der Bevölkerung wider. Noch vor ca. 40 Jahren war ein Unternehmen, dem ökologische und soziale Verantwortung am Herzen lag, vielen ein Dorn im Auge.

Heutzutage denkt so niemand mehr. Stattdessen überschlagen sich geradezu die Meldungen der Unternehmen über ihre Engagements in den Bereichen ethische Lieferketten, Gleichberechtigung und Klimaneutralität.

Nahezu 10.000 Unternehmen aus 161 Ländern haben sich dem Global Compact der Vereinten Nationen (UN) verpflichtet. Mit dem Beitritt zeigen sie, dass sie auf Strategie- und Handlungsebene den universellen Prinzipien zu den Themen Menschenrechte, Arbeitsnormen, Umwelt und Korruptionsprävention zustimmen und zudem bei der Umsetzung der Ziele zur nachhaltigen Entwicklung der UN bis zum Jahr 2030 mitwirken möchten. Ergebnisse einer KPMG-Umfrage zur Corporate Responsibility (CR) von 2017 zeigen, dass 93% der 250 (an ihrem Umsatz gemessen) größten Unternehmen inzwischen eigene CR-Berichte vorlegen.

Das Prinzip Nachhaltigkeit – im Sinne eines ganzheitlichen ökonomischen, ökologischen und sozialen Handelns – steht auch heute noch vor Herausforderungen. Es gibt immer noch Investoren, die hartnäckig die Vorteile des nachhaltigen Wirtschaftens ausblenden (mehr dazu in diesem Beitrag). Außerdem entfiel mit dem Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen für einige Firmen der Anreiz, im Bereich Nachhaltigkeit aktiv zu werden.

Natürlich gehen Aufrichtigkeit und Nachhaltigkeit nicht zwangsläufig Hand in Hand. Inzwischen ist eine ganze Industrie entstanden, die Unternehmen dabei hilft, sich in der Öffentlichkeit mithilfe von „Greenwashing“ als besonders nachhaltig zu präsentieren. Im vergangenen Jahrzehnt gab es zudem eine ganze Fülle von Skandalen, die uns gezeigt hat, dass das Thema Nachhaltigkeit oftmals noch nicht bis zur Vorstands- und Chefetage vorgedrungen ist.

Dennoch ermutigt die fortschreitende Entwicklung all jene, die daran glauben, dass Nachhaltigkeit sich sowohl für die Umwelt als auch für das Geschäft auszahlt. In welchem Maße Unternehmen inzwischen das Konzept der Nachhaltigkeit verinnerlicht haben, zeigt auch das Verhalten einiger US-Unternehmen, die sich engagieren, obwohl sich ihre Regierung von dem Thema abgewendet hat.

Evolution statt Revolution
Nachhaltigkeit ist ein umfangreiches Konzept, das sich immer noch in der Entwicklung befindet. Deshalb wird bei der Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten auf zahlreiche sich überschneidende (und manchmal auch widersprüchliche) Instrumente, Rahmenbedingungen und Standards zurückgegriffen – übrigens im deutlichen Gegensatz zu Finanzberichten.

Dadurch kann es für Unternehmen schwer sein, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen so zu kommunizieren, dass ein Vergleich mit ähnlichen Unternehmen oder den eigenen bisherigen Leistungen einleuchtend und einfach ist. „Es besteht das Risiko, dass das nachhaltige Engagement nur zu einer ‚Story’ wird und die Fakten unter den Tisch fallen“, erklärt Fran Leedham, der Leiter des Konzernbereichs Umwelt und Nachhaltigkeit bei dem Automobilhersteller Jaguar Land Rover (JLR) ist. „Andererseits haben wir in der Vergangenheit häufig rein faktenbasierte Berichte erstellt, die dann aber kaum leserlich und verständlich waren.“

Die Tatsache, dass die Standards beim Thema Nachhaltigkeit noch nicht klar definiert sind, sollte Unternehmen jedoch nicht davon abhalten, ihre Nachhaltigkeitsbemühungen auch zu präsentieren. Transparenz, Messbarkeit und Evaluierung sind wertvoll und sollten stets im Mittelpunkt von Nachhaltigkeitsoptimierungen stehen. Unterschiedliche Standards und Berichtspraktiken machen es erforderlich, noch mehr darauf zu achten, wie kommuniziert wird. Nehmen wir das Beispiel JLR: Das Unternehmen stimmt inzwischen die unternehmenseigenen Inhalte zur Nachhaltigkeit auf unterschiedliche Zielgruppen ab. Investoren erhalten Analysen und Daten, während die Kunden zielgerichtet mit hochwertigen Geschichten versorgt werden, erklärt Leedham.

Diese Flexibilität ermöglicht Unternehmen, ihre eigene Nachhaltigkeitsgeschichte zu kreieren. Ein Unternehmen, dem das außerordentlich gut gelungen ist, ist der französische Kosmetik- und Hautpflegeriese L’Oréal – das größte Unternehmen für Schönheitspflege weltweit. L’Oréal hat in der Vergangenheit bedeutende Erfolge mit seiner Nachhaltigkeitsstrategie verzeichnet. Aus diesem Grund erscheinen auch die neuesten Nachhaltigkeitsziele des Unternehmens realistisch: L’Oréal möchte zum einen seinen ökologischen Fußabdruck um 60% reduzieren und zum anderen bei der Produktion zu 100% nur noch nachwachsende Rohstoffe nutzen. Angesichts der vielen globalen Herausforderungen steht das Unternehmen in „der Verantwortung, mit gutem Beispiel voranzugehen“, so Alexandra Palt, Chief Sustainability Officer.

Schon 1995 gründete L’Oréal ein ökotoxikologisches Forschungslabor zur Messung und Modellierung des Einflusses von Produkten auf das Ökosystem und die Artenvielfalt. 2003 unterzeichnete L’Oréal den UN Global Compact. Das Unternehmen stellt zudem seine Bemühungen zur Umsetzung der eigenen Ziele für 2020 konsequent und kontinuierlich auf den Prüfstand. Bis 2016 konnte der Wasserverbrauch in den Produktionswerken und Vertriebszentren um 48%, der Ausstoß von Kohlendioxidemissionen um 67% und die Abfälle um 35% reduziert werden. Außerdem werden die Produkte inzwischen zu 54% aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Das schließt insgesamt 1.500 unterschiedliche Rohstoffe aus 100 Ländern ein.

Den Finger in die Wunde legen
Die Fokussierung auf Thematiken, die bei den Kunden auf offene Ohren stoßen oder die bereits in der Vergangenheit Negativschlagzeilen gemacht haben, hat sich als eine effektive Strategie bei der Unternehmenskommunikation zur Nachhaltigkeit bewährt. Das schwedische Einzelhandelsunternehmen H&M setzt dabei den Schwerpunkt auf faire Arbeitsbedingungen und Löhne, was dem einen oder anderen merkwürdig erscheinen mag in Anbetracht der gleichzeitigen Ausrichtung auf schnelle und günstige Mode. „Unser Unternehmen setzt auf Fairness und Gleichberechtigung und handelt proaktiv nachhaltig – das ist entscheidend und selbstverständlich, wenn man auch zukünftig in der Geschäftswelt erfolgreich agieren möchte“, sagt CEO Karl-Johan Persson.

Der Ansatz von H&M funktioniert, denn er spiegelt eine ganz bestimmte Weltanschauung wider – und zwar die Erkenntnis, dass Erfolg nicht nur an Rentabilität zu messen ist. H&M setzt sich für eine Verbesserung der Kommunikation am Arbeitsplatz und der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein. Das bedeutet, dass die Vereinigungsfreiheit respektiert wird, Arbeitnehmervertreter eine Stimme haben und Gewerkschaften sich zusammenschließen und gemeinsam verhandeln dürfen.

Das Unternehmen fährt mit dieser Haltung viel besser als erwartet. Im Dialog mit den Regierungen der Länder setzt sich H&M für die Entwicklung von rechtlichen Rahmenbedingungen zur Verbesserung der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen ein, bei den Fabrikbesitzern wiederum für funktionierende Lohnmanagementsysteme. Besonders beeindruckend ist zudem, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter über ihre Rechte aufklärt und die demokratischen Wahlen von Arbeitnehmervertretern – in Form von Gewerkschaften oder Arbeitnehmergremien – fördert.

In einer Branche, in der Ausbeutung und unsichere Arbeitsbedingungen weit verbreitet sind, belegt H&M sein nachhaltiges Handeln mit statistischen Zahlen. Im Jahr 2017 fanden in 100% der für H&M produzierenden Anlagen in Bangladesch Wahlen von Arbeitnehmervertretern statt. Dabei wurden 2.882 Menschen – davon 40% Frauen – gewählt.

Fortschritte feiern
Das Streben nach Nachhaltigkeit ist ein Marathon, kein Sprint. Geschäftsmodelle von Millionen von Firmen lassen sich nicht einfach über Nacht ändern, ebenso wenig wie festgefahrene Vertriebs- und Konsummuster. Allerdings ist das Engagement vieler der weltweit größten Unternehmen beim Thema Nachhaltigkeit bereits jetzt weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Und sobald sie merken, dass sie sowohl finanziell als auch im Hinblick auf ihren Ruf als Unternehmen davon profitieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie noch ehrgeiziger werden und eigene Programme zur Förderung von Nachhaltigkeit ins Leben rufen.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Welt mit dem bereits erreichten zufrieden geben sollte. Wenn die Menschheit auch noch im nächsten Jahrhundert wachsen und gedeihen soll, dann muss nicht nur beim Wasser- und Energieverbrauch ein Umdenken stattfinden, auch die Bedingungen für Wahlen in Entwicklungsländern müssen verbessert und das innovative Denken gefördert werden.

Die zielgenaue Verbreitung von Pestiziden durch Roboter mag sich noch nach Science-Fiction anhören, könnte aber tatsächlich dazu beitragen, Umweltschäden drastisch zu reduzieren. Generell könnten clevere Ideen unsere alltäglichen Gewohnheiten in Zukunft verändern. Ein Beispiel dafür ist die MIWA-App aus Tschechien: Damit können Kunden die exakte Menge an Lebensmitteln bestellen, die sie benötigen, und diese in einer wiederverwertbaren Verpackung zu dem nächstgelegenen Laden oder gleich zu sich nach Hause liefern lassen. Derartige Kreislaufgeschäftsmodelle müssen immer mehr an Bedeutung gewinnen, wenn wir tatsächlich nachhaltig wirtschaften möchten (siehe Artikel und Q&A).

Doch nicht nur Unternehmen sind gefragt, sondern insbesondere auch die Regierungen. Sie müssen die Öffentlichkeit aufklären und Rahmenbedingungen für Diskussionen und Optimierungen schaffen. Es bleibt zu hoffen, dass in naher Zukunft mehr und mehr Maßnahmen mit Weitblick umgesetzt werden – wie z.B. die Steuersenkung von 50% in Schweden auf Reparaturleistungen für Kleidung, Schuhe und Fahrräder, die der Förderung des nachhaltigen Konsums dienen soll. Um eine tatsächliche Veränderung ins Rollen zu bringen, müssen wir uns unseres eigenen Einflusses auf die Welt bewusst werden – und dann sichergehen, dass unser Konsumverhalten dieses Bewusstsein widerspiegelt. Wie der kürzliche Aufschrei zur Meeresverschmutzung durch Plastik beweist, können Menschen, Unternehmen und Regierungen durchaus zügig reagieren, sobald sie mit überzeugenden Beweisen konfrontiert werden. Wenn es unserer Welt gut gehen soll, müssen wir in Anbetracht der Unmengen an Herausforderungen beim Thema Nachhaltigkeit daher zugleich weitsichtig und proaktiv handeln.


Quellenangaben:

  • www.colorado.edu/studentgroups/libertarians/issues/friedman-soc-resp-business.html
  • www.edie.net/news/7/Reporting-frameworks-lack-comparability-to-attract-investment-towards-sustainability/
  • www.fastcompany.com/3069080/how-loreal-is-turning-itself-into-a-sustainability-leader
  • www.sustainability.hm.com/en/sustainability/about/about/ceo-message.html