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Nachrichten aus dem Finanzwesen

Sechs Technologien, die das Finanzwesen verändern werden

Das Bank- und Finanzwesen erfährt derzeit große Veränderungen. Diese Innovationen könnten die Art und Weise, wie wir mit Finanzdienstleistungen umgehen, grundlegend verändern.

Viele der alltäglichen Finanzprodukte und -dienstleistungen begleiten uns schon seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden. Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass die Anfänge einiger Handelsinstrumente auf die Zeit des Alten Ägypten zurückgehen. Das erste börsennotierte Unternehmen hingegen wurde im Jahre 1606 gegründet. Das Finanzwesen hat sich immer weiterentwickelt: In den letzten Jahren sorgte der Einsatz von digitalen Technologien, der Markteintritt von neuen Wettbewerbern und die Veränderung der regulatorischen Bestimmungen auf bestimmten Gebieten jedoch für eine Beschleunigung dieser Entwicklung.

Die Bereitschaft im Finanzwesen, sich gegenüber neuen Gedanken und Wegen zu öffnen, versetzt die Unternehmen in die Lage, sich den Herausforderungen eines verschärften Wettbewerbs, neuer Konkurrenten und unentwegter Weiterentwicklung zu stellen.

1. Blockchain: die Erschaffung praktischer Lösungen

Als Blockchain wird die Technologie bezeichnet, welche die Kryptowährung Bitcoin ermöglicht. Dieses Thema hat in den vergangenen Jahren die Schlagzeilen beherrscht. Eine Blockchain ist eine dezentrale Datenbankstruktur, bei der Transaktionen nicht zentral auf einem Rechner erfasst werden, sondern auf vielen verschiedenen Computern – den sogenannten Nodes – gespeichert und aktualisiert werden. Weil die darin enthaltenen Daten sicher verschlüsselt sind, bedarf es keiner externen Aufsicht, um die dort gemachten Transaktionen zu garantieren.

Ein Bericht des World Economic Forum kommt zu dem Ergebnis, dass ein dezentral organisiertes System wie das Blockchainprotokoll das Potenzial besitzt, nahezu alle Abläufe in unserem Finanzsystem zu beeinflussen. Daher untersuchen viele Banken, wie sie mit der Blockchaintechnologie ihre Abläufe für Finanzdienstleistungen, angefangen von Zahlungsvorgängen bis hin zu intelligentem Vertragsmanagement und elektronischer Identifizierung, für sich und ihre Kunden nutzen können.

Die ING und einige weitere Banken haben bereits 107 Mio. US-Dollar in R3 investiert, ein Unternehmen, das elektronische, dezentrale Datenbankstrukturen für Finanzunternehmen entwickelt. Die ING ist daran interessiert, die Bankgeschäfte für ihre Kunden zu vereinfachen; nicht nur mit kleinen und stetigen, sondern auch mit radikalen Veränderungen. Zu Letzterem gehört das Investment in R3. „Wir sind davon überzeugt, dass die Blockchaintechnologie das Potenzial für eine grundlegende Veränderung in sich trägt“, sagt Mark Buitenhek, der Leiter von Transaction Services bei ING. Vor kurzem hat die ING in Zusammenarbeit mit Calypso und R3 Tests von Blockchain-unterstützten Plattformen für die Währungsgeschäftsabwicklung durchgeführt.

Die ING arbeitet auch mit Fintechs, der niederländischen Zentralbank, dem niederländischen Verband für Zahlungsabwicklung und dem Europäischen Bankenforum zusammen und konzentrierte sich 2017 auf den Praktikabilitätsnachweis in sechs Geschäftsbereichen: Zahlungsverkehr, Handelsfinanzierung und Optimierung des eingesetzten Kapitals, Finanzmärkte, Bankentreasury, Kreditvergabe sowie Compliance und Identifizierungsnachweis. Einige der Projekte zeigten bereits anwendbare Erfolge: Geschäfte im Ölhandel wurden dieses Jahr bereits mittels Technologien abgewickelt, die von dem Fintech-Unternehmen Easy TradING Connect entwickelt wurden. Weitere Geschäftsbereiche sollen folgen.

2. Mobiles Bezahlen: das Verbinden der Punkte

Payconiq ist eine All-in-one-App, mit der die Nutzer online und an der Ladenkasse bezahlen können. Auch Überweisungen von Nutzer zu Nutzer sind möglich. Die App verbindet sich dafür direkt mit dem Bankkonto des Nutzers bei der teilnehmenden Bank. ING entwickelte dieses System 2014 und führte es im Folgejahr für Kunden in Belgien ein. Dieses Jahr erfolgt die Markteinführung in den Niederlanden. Es wird von einer Reihe von Banken in Belgien und den Niederlanden unterstützt. In naher Zukunft wird Payconiq auch in Luxemburg eingeführt.

„Es gibt eine Menge von Apps im Markt, aber nicht alle funktionieren im stationären Handel, online und von Nutzer zu Nutzer“, sagt Duke Prins, Vorstandsvorsitzender von Payconiq. „Unser Projekt ist eine Antwort auf die digitale Revolution und die veränderten Aufsichtsbestimmungen im europäischen Zahlungsverkehr.“ Payconiq rechnet mit einer Umsetzung der PSD 2 in Europa gegen Ende des Jahres 2018. Kunden können dann Drittanbietern außerhalb ihrer Bank Zugang zu den Überweisungsdetails ihrer Bank einräumen, so dass diese Transaktionen über ihre Services mithilfe der Bankkonten der Kunden abwickeln können.

Der Vorstandsvorsitzende der ING, Ralph Hamers, verdeutlichte, dass Payconiq zwar die Gebühreneinnahmen für das Bankkartengeschäft geschmälert hat, gleichzeitig ist er jedoch überzeugt, dass diese notwendige Weiterentwicklung große Wachstumschancen für die ING bietet. „Ich bin davon überzeugt, dass andere es machen werden, wenn wir es nicht machen“, meint Hamers. „Wenn man als Erster agiert, verliert man zwar auf der einen Seite sichere Erträge, auf der anderen Seite kann man diesen Verlust durch Wachstum kompensieren.“

3. Mobile Überweisungen: der umweltbewusste Ansatz

Durch die geringe Verbreitung von Kreditkarten in China läuft das Land dem Rest der Welt in Sachen mobile Überweisungen den Rang ab. 74% aller Online-Überweisungen werden dort auf Mobilgeräten abgewickelt. In den nächsten zwei Jahren rechnet man in China mit einem Marktwachstum von mobilen Überweisungen um weitere 68%. Der auf 5,5 Billionen US-Dollar geschätzte Markt ist in festen Händen von Alipay (ein Unternehmen von Ant Financial, welches ein Teilunternehmen des Konsumgiganten Alibaba ist). Alipay teilt sich den Markt mit Tencent, das die Firma WeChat Pay als Teil des beliebten Spiele- und Social-Media-Unternehmens WeChat führt.

WeChat verfügt monatlich über 900 Mio. aktive Nutzer und entwickelte schnell eine Vielzahl von Anwendungen, um Nutzer langfristig an das eigene Ökosystem zu binden: Es ist anzunehmen, dass viele Nutzer sich mittlerweile beinahe ausschließlich in der WeChat-Welt, einschließlich aller Kommunikation, Überweisungen und Dienstleistungen, bewegen.

Da viele Menschen „mehr und mehr Zeit in der WeChat-Welt verbringen, zahlen sie Geld auf eigene WeChat-Nutzerkonten ein und verwenden dieses, um es an andere Nutzer zu schicken oder um Einkäufe zu tätigen. All das festigt das WeChat-Netzwerk“, bemerkt Jeff Galvin, Partner bei McKinsey in Hongkong. Die Strategie scheint aufzugehen: WeChat hat seinen Marktanteil bei Überweisungen im vierten Quartal 2016 von 15,9% auf 37% im Jahresvergleich mehr als verdoppelt.

4. Apps: wertvolle Informationen auf Knopfdruck

Technologie kann durch die Schaffung von Transparenz und verbesserten Informationszugang neue Möglichkeiten eröffnen. ING Real Estate Finance (ING REF) hat eine App geschaffen, die ihren niederländischen Kunden erlaubt, unmittelbar zu analysieren, wie sie ihr Immobilienportfolio umweltbewusster und kostensparender gestalten könnten.

ING REF arbeitete bei der Entwicklung der App mit einem Energieberater zusammen. Durch die Nutzung von Daten wie Baujahr und Größe (in Quadratmetern) kann die App die aktuelle CO2-Belastung aller Gewerbeimmobilien und deren Einsparungspotenzial durch den Einsatz verschiedener Maßnahmen, wie z.B. Doppelverglasung oder verbesserte Isolierung, errechnen. Bei Veränderungen der relevanten regulatorischen Bestimmungen, Subventionen oder Energiepreisen aktualisiert sich die App automatisch. Bei Immobiliengrößen über 3.500 qm erstattet ING REF die Kosten für eine genauere BREEAM/Energie-Beurteilung.

„Die App sorgt dafür, dass die Nachhaltigkeit und das Geschäftsszenario besser eingeschätzt werden können“, erläutert Jos Jonkers, Manager bei ING REF Sustainability. „Unsere Anwender erhalten einen Nachlass in Höhe von 0,5% auf die Finanzierungskosten von Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz mithilfe unserer ING Groenbank.“ Kunden erhalten eine 100%ige Finanzierung für ihre Investitionen in Nachhaltigkeit; zur Erlangung dieses Darlehens benötigen sie eine staatliche Bestätigung der ökologischen Bauweise ihrer Immobilie. „Die Reaktion unserer Kunden auf diese Aktion war sehr positiv. Wir haben bereits 18.000 Immobilien in dieser App – ca. drei Viertel unseres gesamten Bestandes“, sagt Jonkers. „Es gibt nichts Vergleichbares auf dem Markt: Wir decken 40 unterschiedliche Bewertungsmerkmale ab.“

5. AI: Chatbots schaffen Mehrwert

Chatbots und Robo-Advisors übernehmen immer häufiger die Beratung von Anlegern bei der Produktauswahl, vor allem im Segment der kostengünstigen, passiv verwalteten Indexprodukte. Typischerweise benötigen diese Anwendungen Anlegerinformationen bezüglich des Zeithorizonts der Anlage, Risikobereitschaft und Vermögensziele. Die Daten werden in einem vorgefertigten Rechenwerk aufbereitet, um damit die optimalen Investmentprodukte für die Kunden auszuwählen. In einigen Fällen wird das Portfolio anschließend auch vom Robo-Advisor weiterverwaltet.

In den USA konnten Unternehmen, die Robo-Advisor einsetzen, den traditionellen Vermögensberatern bereits erhebliche Marktanteile abringen: Das größte derartige Unternehmen verwaltet bereits mehr als 7 Mrd. US-Dollar von Anlegern. In Europa hingegen bleibt die Skepsis vor automatisierten Investmentsystemen bestehen. Die 2017 von ING durchgeführte Umfrage mit 15.000 Menschen aus 15 verschiedenen Staaten zum Thema Mobile Banking zeigte, dass 91% der Befragten ihre Anlagen nicht von einem Computer tätigen lassen würden. Lediglich 3% fühlen sich mit der automatisierten Vermögensverwaltung wohl. Dennoch wird sich das Thema in allen Märkten weiter ausbreiten und an Bedeutung gewinnen.

Robo-Advisor profitieren zukünftig noch stärker von den Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens, wodurch diese immer hochentwickelter werden. Es ist vorstellbar, dass sie in Zukunft Portfoliostrukturen automatisch an veränderte Kundenbedürfnisse angleichen oder Kundenanfragen z.B. in Bezug auf steuerliche Behandlung von Investments beantworten. Für künstliche Intelligenz gibt es eine Vielzahl von potenziellen Anwendungen im Finanzsektor. Maschinelle Sprachverarbeitung und -erkennung könnte zum Einsatz kommen, wenn es um die Bewertung von Risiken geht. Auch die Bearbeitungszeiten von Kreditvergaben könnten durch eine schnellere Verarbeitung erheblich verkürzt werden.

6. Big Data: Informationen auswerten und interpretieren

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von Accenture werden Finanzdienstleistungsunternehmen tagtäglich mit unzähligen Daten konfrontiert. Dies gilt sowohl für herkömmliche, gut strukturierte, interne Daten als auch für unstrukturierte, externe Daten. Sei es aus Quellen wie Social Media, veränderten Gesetzestexten oder aber Datenbanken von Drittanbietern. Das genaue Verständnis dieser Flut an Informationen ist entscheidend für die wertsteigernde Verwendung dieser Daten als Innovationstreiber für eine Bank und deren Kunden.

Laut Accenture basieren Entscheidungen auf gut fundierten Daten und ermöglichen die Entdeckung von neuen Geschäftsmöglichkeiten (beispielsweise durch die Identifizierung von Kundenbedürfnissen), verbessern die Produktivität und Effektivität (neue Technologien wie Prozessautomatisierung oder Cloud-Datenspeicherung erlauben die kostengünstige Nutzung von riesigen, unstrukturierten Datenmengen) sowie das Risikomanagement und das Management des regulatorischen Umfeldes. „Die Anwendung von Big-Data-Programmen hilft den Unternehmen bei der Vereinfachung und Kostenreduktion von Datenauswertungen, die sie von unterschiedlichen Quellen erlangen und konvertieren müssen, um sie sinnvoll für Meldungen an die Aufsichtsbehörde einsetzen zu können. Dies schließt so datenintensive Vorgänge wie Echtzeitsimulationen und Szenarioanalysen ein, die häufig von Aufsichtsbehörden angefordert werden“, erläutert der Bericht.


Quellenangaben:

  • https://www.finextra.com/newsarticle/30906/blockchain-based-trade-matching-engine-gets-the-nod-from-ing
  • https://www.finextra.com/newsarticle/30910/payconiq-continues-european-expansion-with-acquisition-of-luxembourgs-digicash
  • http://www.thebanker.com/World/ING-s-disruptive-model-interview-with-CEO-Ralph-Hamers
  • https://walkthechat.com/china-mobile-payment-report-2017/
  • https://www.ft.com/content/e3477778-2969-11e7-bc4b-5528796fe35c
  • https://www.accenture.com/t20170314T051509__w__/nl-en/_acnmedia/PDF-20/Accenture-Next-Generation-Financial.pdf