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The View – ING Kundenmagazin

Zeit für ein ESG-Rating?

Nachhaltigkeit spielt sowohl für Unternehmen als auch für Investoren eine immer bedeutsamere Rolle. Dementsprechend steigt auch der Bedarf an genauen, zuverlässigen Informationen und Ratings zu diesem Thema.

Bis dato waren die meisten Informationen rund um Nachhaltigkeit schwer verständlich – was vor allem dem Umstand geschuldet ist, dass das Thema in vielen verschiedenen Bereichen relevant ist, gleichzeitig aber kaum standardisierte Prüf- und Messmethoden zur objektiven Darstellung existieren. Inzwischen arbeiten allerdings einige Firmen daran, mithilfe von Ratings und anderen Ansätzen Übersichtlichkeit in den Informationsdschungel zu bringen.

Diese Entwicklung kommt zu einem denkbar günstigen Zeitpunkt. Immer mehr Investoren interessieren sich für das Thema Nachhaltigkeit – im Fachjargon häufig Corporate Social Responsibility (CSR) oder auch Environmental Social Governance (ESG) genannt. Bob Mann ist Präsident und COO von Sustainalytics, einem unabhängigen, weltweit agierenden Anbieter von Untersuchungen und Ratings rund um das Thema ESG und Unternehmensführung. Laut Mann entwickeln Investoren weltweit aktuell verstärkt ein Bewusstsein für die Bedeutsamkeit von ESG.

„Eine wichtige Triebkraft: Sobald das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in einer bestimmten Region steigt, entsteht gewissermaßen ein positiver Kreislauf“, erklärt Mann. „Das erleichtert es international agierenden Unternehmensemittenten, die Erwartungen von Investoren auf globaler Ebene zu erfüllen und dabei die geltenden ESG-Standards einzuhalten.“

Gleichzeitig steigt auch bei immer mehr Stakeholdern die Nachfrage nach Informationen rund um ESG – nicht nur zum Zwecke von Reportings und Regulierungsmaßnahmen, sondern als essenzielle Stellgröße beim Aufbau von Geschäftsbeziehungen, Lieferketten und Investitionen. Das ist zumindest die Einschätzung Pierre-Francois Thalers, der Mitbegründer und stellvertretender Geschäftsführer bei EcoVadis ist. EcoVadis ist ein Unternehmen, das Nachhaltigkeits-Ratings und -Scorecards anbietet und so Beschaffungsteams dabei unterstützt, die Lieferketten in 190 Branchen und 150 Ländern hinsichtlich ihrer CSR/ESG-Praktiken zu überwachen.

Unterschiedliche Ansätze
Die Ratingbranche arbeitet mit einer Vielzahl verschiedener Ansätze – zum Beispiel Standard & Poor’s oder Dun & Bradstreet, um nur zwei zu nennen. Der verwendete Ansatz muss dabei immer zur jeweiligen Unternehmensgröße sowie zur Zielsetzung des Ratings passen. Bei ESG-Ratings gibt es eine ähnliche Varianz.

Sustainalytics bietet Investoren Untersuchungen und Ratings für den Themenkomplex ESG und Unternehmensführung mit einer Quote von 10.000 gerateten Unternehmen pro Jahr. Außerdem stellt Sustainalytics Unternehmen Ratingdienstleistungen in Bezug auf Darlehen, Bonds oder Emittenten zur Verfügung. Laut Mann wächst insbesondere das letztgenannte Marktsegment aktuell stark. „Im ersten Jahr nach Unternehmensgründung haben wir 35 Unternehmen bewertet. Im zweiten waren es 100 und dieses Jahr sind wir auf dem besten Weg, zwischen 150 und 170 Unternehmen zu bewerten“, sagt er.

Die Ratingagentur stellt Unternehmen zwei Arten von Ratings zur Verfügung. In Verbindung mit grünen Darlehen und Bonds zertifiziert Sustainalytics zum einen die Verwendung der Erlöse als nachhaltig. In einer zweiten Kategorie wird der Emittent selbst geratet. „Viele Unternehmen haben in Sachen ESG erheblich aufgeholt und möchten natürlich, dass dieser Erfolg auch nach außen sichtbar wird“, erklärt Mann. Die Emittenten-Ratings können, unter Berücksichtigung der übergreifenden Nachhaltigkeitsleistung (und nicht nur der Verwendung der Erlöse), dann auch für Anleihen verwendet werden, so wie beispielsweise ING Darlehen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit.

EcoVadis hat bereits mehr als 45.000 Unternehmen geratet, die ihre Ergebnisse mit mehr als 200 der weltweit größten Konzerne teilen. Unternehmen bauen auf die Ratings, um einerseits ihre Marken besser zu positionieren und um andererseits ihre Bereitschaft zu Nachhaltigkeit zu demonstrieren – sowohl nach außen gegenüber Kunden und Stakeholdern als auch intern im Kontakt mit existierenden und potenziellen Arbeitnehmern. „Viele Unternehmen nutzen unsere Ratings gezielt, um Benchmarks und Standardisierungen für Leistungsverbesserungen im Bereich Nachhaltigkeit umzusetzen. Die Rating-Daten stellen dabei oft die Basis für die Auseinandersetzung mit anderen Bewertungen und Indizes dar“, sagt Thaler. „Unsere Ratings dienen in sechs Industriezweigen – unter anderem Chemie, Konsumgüter, Bahnverkehr und Beauty – sogar bereits als Standard für ganze Lieferbereiche.“

Ab jetzt werden EcoVadis-Ratings auch als Unterstützung der ING Darlehen für die Verbesserung von Nachhaltigkeit eingesetzt. Diese Darlehen arbeiten gezielt mit Anreiz- und Belohnungssystemen, um die Nachhaltigkeitsleistung im Unternehmen zu verbessern. Die Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens wird dabei kontinuierlich getrackt und mit der Zeit auch angepasst: Verbessert sich der Nachhaltigkeits-Score, sinkt automatisch der Zinssatz. EcoVadis-Messwerte für Nachhaltigkeit werden überwiegend für Darlehensnehmer verwendet, die nicht börsennotiert sind (und für die dadurch auch häufig noch zuverlässigere und transparentere Informationen vorliegen).

Wie Unternehmen Ratings intern nutzen können
Der Faktor Nachhaltigkeit kann Unternehmen dabei helfen ihre Kreditwürdigkeit gegenüber potentiellen Käuferfirmen und Kreditgebern unter Beweis zu stellen und somit Kreditzusagen zu erhalten. Zudem kann er auch für Benchmarking und die Entscheidungsfindung innerhalb des Unternehmens von Nutzen sein.

„Durch die Bewertung eines externen Experten, der mit weltweit gültigen Richtwerten arbeitet, erhalten CSR-Verantwortliche einen unvoreingenommenen Blick auf ihre Leistung und können sie gleichzeitig zu der Performance vergleichbarer Unternehmen in Bezug setzen“, meint Thaler. „Gerade hinsichtlich der Leistungssteigerung können so starke Anreize geschaffen werden.“ Außerdem, fügt er hinzu, können CFOs ein Rating auch als qualitative Maßzahl verwenden, um den Einfluss von Investitionen auf die Leistungssteigerung über einen längeren Zeitraum zu erfassen. Größere Konzerne wie Toyota Material Handling (Hersteller von Gabelstaplern) oder Belron (Dienstleister für Fahrzeugglasreparaturen und -austausch) zum Beispiel verwenden die EcoVadis-Ratings als Standard mit weltweiter Gültigkeit, um die Nachhaltigkeitsleistung in ihren Zuliefererbetrieben auf der ganzen Welt einheitlich zu gestalten.

Laut Mann können Bewertungen auch als wertvolle Informationsquelle eingesetzt werden, wenn es darum geht, Anstöße für unternehmensinterne Veränderung zu liefern. Des Weiteren sind ESG-basierte Informationen meist innerhalb eines Industriezweigs vergleichbar. Dadurch kann mithilfe der ESG-Ratings die Leistung des eigenen Unternehmens mit denen ähnlicher Unternehmen verglichen werden. Sustainalytics liefert Unternehmen darüber hinaus auch noch Best Practices, um ihnen verständlich aufzuzeigen, welche Änderungen für eine Leistungssteigerung notwendig sind.

Ein schmerzfreier Prozess
Häufig schrecken Unternehmen vor dem Zeitaufwand zurück, der mit dem Erlangen eines Nachhaltigkeits-Ratings verbunden ist. Dabei gestaltet sich der Prozess äußerst unkompliziert.

Um ein EcoVadis-Rating zu erhalten, muss sich ein Unternehmen lediglich registrieren und einen Online-Fragebogen zu 21 CRS-Kriterien in den folgenden vier Kategorien ausfüllen: Umwelt, Personal/Soziales, ethische Prinzipien und nachhaltige Versorgung (in Verbindung mit Beschaffungsverfahren). Teil des Prozesses ist außerdem eine „360-Grad-Ansicht“, ein Verfahren, das mehr als 2.500 Quellen – unter anderem die Beobachtungs- und Sanktionslisten von Regulatory DataCorp sowie Tausende von regionalen Nachrichtenquellen – prüft und gegebenenfalls in das Rating einfließen lässt.

Um einen grünen Kredit oder Bond dahingehend zu bewerten, ob die Verwendung der Erlöse umweltbewusst und damit nachhaltig ist, benötigt Sustainalytics in der Regel etwa einen Monat. Möchte ein Unternehmen ein Emittentenrating erhalten, zum Beispiel wenn es mithilfe von ING Darlehen für die Verbesserung von Nachhaltigkeit Anleihen kaufen möchte, betrifft dies weniger die Verwendung der Erlöse als vielmehr die Nachhaltigkeitsleistung des Unternehmens. Der Prozess wird mitunter komplexer, weil mehr Akteure innerhalb des Unternehmens, unter anderem die Abteilungen für Finanzen und Nachhaltigkeit, involviert sind, erklärt Mann. Aus diesem Grund werde hierfür mehr Zeit benötigt.

Rosige Aussichten
Während Nachhaltigkeit für Investoren und Stakeholder immer mehr an Bedeutung gewinnt, werden auch die Mittel und Wege immer relevanter, um diese Nachhaltigkeit unter Beweis zu stellen. Für Thaler sind die starke Nachfrage und die zunehmende Verwendung der EcoVadis-Ratings im Zusammenhang mit Leihverhältnissen klare Indikatoren dafür, dass die Ratings zukünftig in noch zahlreichen weiteren Kontexten eingesetzt werden können – nämlich immer dort, „wo Vertrauen und Transparenz die Wertegrundlage für Beziehungen bilden“.

Gerade weil ESG ein so heterogener Themenkomplex ist – mit so unterschiedlichen Feldern wie beispielsweise Umwelt und Governance – und dadurch schwer greifbar und messbar ist, ist eine unabhängige Prüfung wesentlich. „Dafür müssen zunächst transparente Gradmesser definiert und etabliert werden“, sagt Mann. „Und hier kommen wir ins Spiel.“